
Mein erstes Live-Konzert einer Metalband erlebte ich 1994 in Merkers. Damals standen WARPATH und FORBIDDEN als Vorbands auf der Bühne, bis endlich der Headliner GOREFEST auf die Bühne kam. All das hat natürlich seine Vorgeschichte. Aufgewachsen – oder sagen wir groß geworden bin ich in meiner musikalischen Erziehung anfangs mit den Scorpions, später Guns N‘ Roses und Bon Jovi, Tote Hosen, Ärzte usw. Natürlich stand ich unter dem Einfluss meiner Freunde. Wir unternahmen so vieles zusammen, vom Skateboard und Skifahren, bis zum zelten und campen in den Wäldern. Wir spielten auch Rommee und hörten Musik. So landeten wir zwangsläufig auch irgendwann bei MTV und sahen uns die Musikvideos der European Top 20 an. Es war dann nicht weit bis zu Beavis and Butthead und Headbangers Ball, moderiert von Vanessa Warwick. Sie öffnete uns die Pforte in die Welt des Metals. Sepultura, Obituary, Cannibal Corpse und natürlich auch Metallica. Die oben genannten Mannen von Gorefest fesselten mich insbesondere und entwickelten sich rasch zu meiner Favoriteband, nicht viel später hatte ich alle CDs von denen und sie liefen auf und ab. Im September 1994 spielten sie in Merkers in Thüringen. Ich war dabei, mein erstes Live-Konzert und es war Death-Metal as it best from Netherlands. Meine Eltern werden dieser Entwicklung nicht viel abgewonnen haben, aber egal. Die Zeit nahm ihren Lauf und jeder entwickelte sich auch weiter. Mein bester Kumpel ging nach Ilmenau, später nach Jena, dann für ein Jahr nach Madrid und schließlich Bonn. Die Gelegenheiten, sich zu sehen und gemeinsam auf Konzerte zu gehen wurden signifikant weniger, je älter wir wurden. Auch familiäre Entwicklungen trugen dazu bei. Mittlerweile ist mein Kumpel ja nicht nur mein Trauzeuge und mein längstjähriger Freund von Kindheit an, er ist auch selber verheiratet, hat 2 Kinder und lebt jetzt in Chemnitz. Einen Tag vor unserer Hochzeit wurde er dort in der ehemaligen Stadt mit 3 O’s (Insider) zum Professor berufen. Auch ich war auf seiner Hochzeit der Trauzeuge. Das verbindet und man lernt es wertschätzen. Während dieser ganzen Zeit, in der er mit seiner Familie immer wieder woanders gelebt hat, waren wir Freunde, sahen uns ein oder zwei mal im Jahr. Eines blieb. Die Konzerte! Immer wieder trafen wir uns auch auf Konzerten. Vor ein paar Jahren einigten wir uns darauf, diesen Brauch zu einer Tradition werden zu lassen. Jedes Jahr ein „großes“ Konzert, bei dem niemand von uns den Heimvorteil hat, also immer weg von zu Hause, nicht Berlin und auch nicht Chemnitz. So waren wir auch schon bei „Black Sabbath“ in Essen, es regnete übrigens in Strömen. Vor zwei Jahren waren wir bei „Guns N‘ Roses“ in Hannover, es regnete wieder, so sehr, dass das Konzert abgebrochen, später aber fortgesetzt wurde. Dieses Jahr also „Metallica“. Wir hätten in Berlin gehen können – aber zum einen war ich mit meinem Chor der „Berliner Liedertafel“ in Tallinn auf der Estlandreise, zum anderen sollte ja niemand den Heimvorteil haben. Zumindest hätte es geregnet, wie aus Kannen – das hätte gepasst. Wir sind dann jetzt nach Prag gefahren, die schöne Stadt an der Moldau, wo es mal billiges Bier und hübsche Mädchen gab. Die schönen Mädchen gibt es immer noch… Zusammen mit zwei Uni-Kollegen machten wir uns zu viert auf die Reise über Dresden und Bad Schandau, durch Rathen – Kathis Heimat, kamen wir auch durch. Den mitgeschleppten Kasten Bier mussten wir in Dresden schon wieder auffüllen. Das Wetter war spitze, es war heiß und Ärzte raten dazu, bei hohen Temperaturen viel zu trinken. Done! In Prag wurden wir von einem Professor-Kollegen der Prager Uni abgeholt, ja das Netzwerk reicht weltweit, nirgends können wir uns blicken lassen, ohne erkannt zu werden. Somit war die Gruppe vollständig und nach Ableistung der organisatorischen Dinge fuhren wir dann also zum Flughafen Prag Letnany. Schon die Ankunft war sehr abenteuerlich. Menschen über Menschen, es rauschten Zahlen an uns vorüber, wie viele Fans wohl erwartet werden, am Ende pendelte sie sich zwischen 70 und 80.000 ein und irgendwo da schien auch die Wahrheit zu liegen. Wir mussten noch was essen und Frischbier wäre auch nicht schlecht, beides war in Sichtweite, aber wie dahin kommen im Meer aus Menschen? Wie auch immer, es gelang. Das Hindernis der Fremdwährung umschifften wir ganz gekonnt, indem wir unseren tschechischen Professor anpumpten und uns tschechische Kronen von ihm liehen. Am Ende werden wir viel zu viel ausgegeben haben für das bisschen Fresserei. Aber egal. Die Sonne schien, das Wetter war super und das Bier kalt – Herz, was willst Du mehr? Wir brachen nach der Stärkung auf und mussten einmal um die künstliche Arena herum laufen, um zum Eingang der Front-of-Stage-Zone zu kommen. Dort angekommen, war noch viel Zeit bis zum Einlass, wir verkürzten sie mit kaltem Frischbier. Angetan war ich von der futuristisch wirkenden Bühne. Große Bühnen kannte ich immer nur mit Dach, der gewohnte grau-schwarze Kasten eben. Diese hier sah eher aus wie ein Triptychon, besser 2 nebeneinander, denn es waren 5 Elemente, die im Zickzack aufgestellt waren. Am linken Rand das „M“ und am rechten Rand das „A“ von Metallica in deren typischen Schriftart. Die Ausleger zweier Kräne ragten von hinter der Bühne darüber hinweg nach vorne und verrieten vorerst noch nicht, was sie später tun, ließen jedoch schon mal eine großartige Bühnenshow vermuten.





Und immer brannte die Klara von oben erbarmungslos herab, selten habe ich mich so über einen Sonnenuntergang gefreut. Irgendwann ging es dann natürlich doch los und das Konzert begann mit „The Ecstasy of Gold“, gefolgt vom Intro von „Hardwired“ und dem Titelstück des neusten Silberlings. Wie zu erwarten war, sieht man in den ersten Minuten nur Handydisplays, ein Umstand, der mich mehr und mehr einfach nur ankotzt. Auch ich habe Fotos gemacht, um mir dieses Konzert in guter Erinnerung zu halten, jedoch habe ich keine Videos gemacht, aus genau 2 Gründen: 1. Wenn ich das Video drehe achte ich auf das Display, der LIVE-Genuss geht mir in diesem Moment flöten – darauf hätte ich schon mal überhaupt keine Lust. 2. Diese selbst gedrehten Videos dienen m.E. bestenfalls dazu, mit ihnen vor anderen anzugeben, andere neidisch zu machen oder was auch immer, jedoch nicht, um sie sich zu Hause noch mehrere Male anzuschauen. Das ist unsinnig und jeder, der ehrlich ist, würde das zugeben. In der heutigen Zeit landet soviel bei YouTube – Rechthaber würden jetzt behaupten, das sind die Videos, die mit dem Handy gedreht wurden – ich denke aber, dass auch offizielle Videos dort landen. Ich mache rasch den Selbsttest. Wie erwartet finde ich dort Videos von Metallica-TV, offizielle Videos in einer Top Bild- und Tonqualität. Und noch etwas – es ist unglaublich! Unter dem Link https://www.youtube.com/watch?v=m5IvFUXaZBU kann ich mir die ganzen 2,5 Stunden des Konzertes anschauen, wozu sollte ich dann also selbst filmen? Das Konzert an sich war große Klasse und spielt schon in den vorderen Rängen meiner besten Konzerte mit, aber dafür ist es eben auch Metallica. Besondere Stimmung natürlich bei One, jeder kennt das Intro, wo Maschinengewehre rasseln, Hubschrauber kreisen und immer wieder Granaten einschlagen. Mit viel Feuer, Pyro- und Lasertechnik wird ein geniales Szenario veranstaltet, welches den Fan mitten hinein versetzt in das Manöver. Die immer wieder erleuchteten Kräne verschaffen eine atemberaubende Kulisse. Nicht nur, dass jetzt One gespielt wird, auch das Drumherum begeistert wohl jeden der Anwesenden. Natürlich werden auch hier wieder unzählige Handydisplays für zusätzliche Beleuchtung sorgen. Was solls…





2 Songs, Wherever I May Roam und Whiskey In The Jar hätte ich mir noch gewünscht bzw. waren das Songs, die ich mir vor dem Konzert gewünscht hatte. Dass sie jetzt nicht kamen, enttäuscht mich nicht im Geringsten, es wurden alle möglichen Songs gespielt, angefangen von Ride the Lightning, The Unforgiven, Sad but True, Master of Puppets und natürlich For Whom the Bell Tolls. Niemand glaubte, das sei das Ende, fehlte doch noch der Hit schlechthin und natürlich kann es kein Metallica-Konzert geben ohne Nothing Else Matters. Der letzte Gitarrenschlag, die Kamera zeigt die rechte Hand von Mr. James Hetfield, in welcher er das Plektron zum aktuellen Konzert in der Hand hält – Metallica, Prague, 18.08.2019 steht darauf. Die Menge jubelt! Das war doch ein würdiger Abschied oder? Sanft schlägt Hetfield ein neues Riff an, welches nach wenigen Sekunden unverkennbar in Enter Sandman gipfelt.




Damit hat es sich dann aber, das Konzert ist aus und alle strömen zum Ausgang. Es wird von hier an noch sehr lange dauern, bis wir raus sind aus dem Pulk. Die angestrebte U-Bahn verwerfen wir, nachdem die Tunnel mit Menschen geflutet sind, nichts scheint sich hier zu bewegen. Busse kommen vor lauter Menschen gar nicht ran, geschweige denn, dass man da hinein käme. Die beste Art der Fortbewegung sind des Schusters Rappen. Und 5 KM pro Stunde schafft hier nichts motorisiertes. Irgendwann sind wir in der Innenstadt, wo sich die Menschenmasse bereits verstreut hat. Hier einen Bus zu bekommen, kann maximal noch an der Uhrzeit scheitern, aber wir haben Glück. Weit nach Mitternacht in der Prager Uni, alles ist dunkel, nur beim Pförtner brennt noch Licht, der uns ungläubig anschaut, was wir zur nächtlichen Stunde in der Uni wollen. Der Prager Professor regelt das. Wir holen unsere Sachen und fahren per Uber in ein kleines Dörfchen vor Prag. Zirka 30 Minuten waren wir dahin unterwegs. Die restliche Nacht hat es geregnet und nicht zu knapp – ihr erinnert Euch? Bisher hatten wir noch immer Probleme mit der Heimreise, warum sollte das 2019 anders sein? Der nächste Morgen, wir fahren mit dem Bus zurück nach Prag und kommen wie erwartet in den Stau. Am Bahnhof legen wir eine Punktlandung hin, 10 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges, der jedoch auch nach 1 Stunde Verspätung immer noch nicht da ist. Irgend ein Unwetter in Deutschland, war klar! Der Zug aus Deutschland muss erstmal in Prag ankommen, bevor er wieder von Prag abfahren kann. Wir holen uns Kaffee und Brötchen und verzehren die letzten Kronen. Ungewissheit macht sich breit, nach 70 Minuten ist der masslos überbesetzte Zug endlich da. Meine Begleiter steigen in Dresden aus, ich fahre weiter, bis auch ich irgendwann wieder in Berlin eintreffe. Was bleibt? Ein toller Kurztrip nach Prag, mit Abstecher in der ehemaligen Stadt mit den 3 O’s und natürlich wieder ein Spitzenkonzert der Extraklasse. Ideen für 2020 stehen schon im Raum, es könnte wieder Prag werden, aber eigentlich wäre doch auch Ost- oder Nordsee mal schön. In Tallinn (Estland) waren Rammstein auch zu Gast. Es muss nicht Rammstein sein, aber Tallinn ist auch super. Ich wette, auch dahin reicht das Netzwerk und es gibt bestimmt irgendwelche Doktoren, Professoren oder andere Akademiker. Tartu ist ja auch nicht so uninteressant. Wir werden sehen, wohin uns die Reise führt. Es hat sich gelohnt und Spaß hatten wir alle und das ist ja auch die Hauptsache!


